Das Internet macht immer mehr Tätigkeiten mobil – und es mobilisiert neue Arten von Zusammenarbeit, wie etwa Wikis.
Bis zum Beginn der Industrialisierung machten sich Gesellen nach dem Ende ihrer Lehrzeit auf die Wanderschaft, um neue Arbeitsmethoden und andere Länder kennenzulernen und Lebenserfahrung zu sammeln, sozusagen Globalisierung zu Fuß. Noch immer sieht man manchmal junge Zimmerleute in ihrer schwarzen Tracht am Straßenrand auf der Walz. Aber heute im digitalen Zeitalter nimmt das Wandern neue Formen an. Man geht, etwas zugespitzt gesagt, nicht mehr zur Arbeit und kommt erledigt nach Hause, sondern die Arbeit kommt per Mail und fährt erledigt in die Firma zurück.
Die Zukunft ist handlich und mobil
Nomaden – arabisch für „Die keine Wege brauchen” – stehen für die zeitgemäße Weise, sich durch die Welt zu bewegen. Die neuen Nomaden wissen genau, wo am Flughafen von Anchorage die Steckdosen sind, um ihren Laptop nach einem Transkontinentalflug wieder aufzuladen. Ob iPhone, Tablet, E-Book-Reader oder Gadgets mit Googles Mobil-Betriebssystem Android: die Zukunft der Computerei ist handlich und mobil. Und mit der Cloud, der großen, dienstbaren Datenwolke, stehen nun jedem riesige Datenkraftwerke zur Verfügung, aus denen sich Rechenleistung nach Belieben abrufen läßt, regelbar wie an einem Wasserhahn. Das Internet selbst wurde ursprünglich für die Zusammenarbeit (von Wissenschaftlerteams) entwickelt. Kollaboration und Teamwork stecken also bereits in seinen Genen. Immer mehr Dienste und Werkzeuge kommen einer mobilen und flexiblen Art von Arbeit entgegen, die man passend Arbyte nennen könnte.
Inspiration aus Honolulu
Eines der bemerkenswertesten dieser neuen Werkzeuge sind Wikis. Zu Weltruhm gelangte die Idee durch die Wikipedia. Die Geschichte der Wikis reicht zurück ins Jahr 1994. Damals suchte der amerikanische Programmierer Ward Cunningham nach einem Namen für eine Software. Jeder sollte damit im Internet veröffentlichen können, ohne erst umständlich lernen zu müssen, wie man Webseiten programmiert. Cunningham erinnerte sich an einen Aufenthalt auf Hawaii, bei dem ihn jemand am Honolulu International Airport auf die Shuttle-Busse aufmerksam gemacht hatte. Sie heißen „Wiki Wiki“-Busse, nach dem hawaiianischen Wort „Wiki“ für „schnell“. Also nannte er seine neue Website WikiWikiWeb.
Eine Schnapsbrennerei für verschärftes Wissen
„Ein Wiki ist ein Diskussionsmedium, eine Fundgrube und ein Werkzeug zur Zusammenarbeit“, stand da. „Wir wissen nicht genau, was es ist, aber wir wissen, dass es eine spielerische Möglichkeit bietet, in einem weltweiten Netz zeitversetzt zusammenzuarbeiten.“ Ein Wiki ist so etwas wie eine Schnapsbrennerei für verschärftes Wissen. Aus Infotrauben, die von verschiedenen Orten und Pflückern zusammengetragen werden, entsteht in einem Wiki im Lauf der Zeit ein immer weiter konzentriertes, immer klareres und verfeinertes Destillat. Aus Daten und Informationen wird Wissen. Anders als in Blogs oder Online-Foren, wo Themen einem chronologischen Verlauf folgen, verdichtet sich der Stoff in einem Wiki zunehmend.

Quelle: Anthony D. Williams: Wiki collaboration leads to happiness
Offenheit ist die Grundidee
Heute gibt es Wikis für alles und jedes. Sogar der Vatikan nutzt die Wikipedia, um Kurzbiografien von Kardinälen zusammenzufassen. Mit dem neuen Jahrtausend begannen Wikis sich auch in der Geschäftswelt auszubreiten und die bisherige Software für Projektkommunikation, Dokumentation und Intranets aufzurollen. Viele Unternehmen nutzen inzwischen als Gemeinschaftswerkzeug nur noch Wikis. Die Wikipedia ist ein offenes System, aber das heißt noch lange nicht, dass alle Wikis so sein müssen. Wobei die Wikipedia auch nicht unbeschränkt offen ist – Administratoren können beispielsweise einzelne Seiten „schützen“ oder zeitweise einfrieren, wenn etwa während eines Wahlkampfs die Biografien der Kandidaten im Minutentakt verändert werden. Offenheit ist aber die Grundidee. Es gibt Wikis, bei denen die Vorzeichen umgekehrt sind. Online-Publikationen richten zum Beispiel Themenseiten ein, die nur von Mitarbeitern ediert werden können. Dadurch bleibt das Ganze glatt und ungestört – der Preis für solche geschlossenen Regionen ist, dass niemand von außen einen Beitrag dazutun kann, auch wenn es ein Gewinn für das Ganze wäre.
Wenn jemand gut ist, sollen die anderen das wissen
Zu den Firmen und Behörden, die intern Wikis nutzen, gehören auch Kaliber wie Amazon, Microsoft, Intel, Adobe – und auch die amerikanischen Nachrichtendienste. Thomas Fingar, vormals Vorsitzender des Strategiezentrums National Intelligence Council, schwärmt von der eigens für die Geheimdienst-Community entwickelten „Intellipedia“, einem Wiki, das auf Klarnamen Wert legt. „Es ist eine Art Wikipedia für geheime Netzwerke“, erläutert Fingar. „Nicht anonym. Wir möchten, dass sich die Leute eine Reputation aufbauen. Wenn jemand wirklich gut ist, möchten wir, dass die anderen im Netz auch wissen, dass er wirklich gut ist. Wenn jemand etwas beiträgt, soll man das wahrnehmen können. Und wenn jemand ein Idiot ist, wollen wir, dass man das auch mitkriegt.“
Titelfoto: Rainer Sturm, pixelio.de