Ganz einfach privates Geld verleihen? An Fremde, gegen Zinsen? Bei Crowdlending-Plattformen wie smava oder auxmoney ist die „Crowd“ („Menge“) die Bank – Sie, Du oder ich. Die Kreditnehmer erfüllen sich mit dem Geld Träume, erweitern ihr Geschäft, kaufen Material und Arbeitsmittel – oder schulden Kredite um. Die Geldgeber hoffen auf höhere Rendite als bei anderen Anlagen – und darauf, dass ihre Schuldner das Darlehen zurückzahlen.

P2P – Alternative der Geldbeschaffung

Seit 2005 mit Zopa in Großbritannien die erste Vermittlungsplattform für private Darlehen startete, nimmt dieses Geldbusiness im Netz langsam Fahrt auf. „Crowdlending“ oder Peer-to-Peer-(P2P-)Kredite werden solche Geschäfte genannt – und sind durchaus eine interessante Alternative der Geldbeschaffung für Kleinunternehmer und Freiberufler. Und eine Möglichkeit für Kleinanleger, die hier mal 100 und da mal 500 Euro investieren möchten. Allerdings: Millionenprojekte lassen sich damit nicht finanzieren – so sind bei dem 2007 gestarteten deutschen Kreditmarktplatz smava Kredite bis maximal 50.000 Euro möglich, bei der P2P-Kreditbörse auxmoney sind es maximal 20.000 Euro. Dabei sind es im Allgemeinen zahlreiche kleine Anleger, die jeweils Teilbeträge in einen Kredit investieren.

Unternehmensberater Steffen Doberstein
Unternehmensberater Steffen Doberstein

Viele entscheiden

„Bei Crowdlending müssen keine Sicherheiten gestellt werden und der Zinssatz wird vom Kreditnehmer festgelegt. Die Gebühren der Plattformanbieter sind verhältnismäßig gering“, erläutert der Berliner Unternehmensberater Steffen Doberstein. Der gesamte Prozess laufe stark standardisiert ab und sei weniger aufwändig als bei einem Finanzinstitut. „Ob jemand einen Kredit erhält, hängt nicht von der Einzelentscheidung eines Bankers ab, sondern von der Crowd – einer großen Menge potenzieller Geldgeber.“ Allerdings: je erklärungsbedürftiger und komplexer das Businessmodell, desto schwieriger werde es, Finanziers zu finden. „Doch selbst wenn 90 Prozent der Crowd kein Interesse haben – hier finde ich vielleicht die zehn Prozent, die meinem Projekt vertrauen. Damit steigt die Möglichkeit der Finanzierung enorm, gerade für Selbstständige, die es bei Banken eher schwer haben.“ Zumal es um Kreditsummen gehe, die für die Kreditinstitute im Firmenkundengeschäft eher lästiger „Kleinkram“ seien. Deshalb sieht Steffen Doberstein in diesen Plattformen weniger eine Konkurrenz zum klassischen Bankgeschäft, sondern vielmehr eine Ergänzung.

Kein Platz für „Notgroschen“

Überprüfungen potenzieller Kreditnehmer sind aber auch bei auxmoney oder smava angesagt. Denn um das Vertrauen der Anleger zu gewinnen, sind Zertifikate nötig – zum Beispiel Schufa Score oder Creditreform (CEG) Score. In jedem Fall gilt für Geldgeber wie bei vielen anderen Kreditgeschäften: Die Ausfallgefahr ist immer da. Oder wie es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von smava heißt: „Investieren Sie nur Gelder, deren eventuellen Verlust Sie sich leisten können.“ Nicht zuletzt deshalb ist Risikostreuung angesagt – 50 Euro beträgt der „Mindesteinsatz“ für ein Investment bei auxmoney, 250 Euro bei smava. „Den ‚Notgroschen‘ sollte man auf diese Weise nicht anlegen“, meint ebenfalls Steffen Doberstein. Selbst wenn es zum Beispiel bei smava eine „Poollösung“ gebe, die Risiken etwas abfedert – für jede Risikogruppe werden Anleger-Pools gebildet, welche die Verluste sozialisieren. Dafür werden jedem Anleger anteilig ein paar Prozent von der Rendite abgeschnitten – egal, ob sein Kreditnehmer ausgefallen ist oder nicht. Je schlechter die Bonität laut Schufaklasse, desto höher ist dieser Abzug. Und bei auxmoney kann man sein Auto als Sicherheitspfand einsetzen. „Letztlich muss jedem Anleger klar sein: Das Risiko ist höher – würde man allerdings P2P-Kredite genauso absichern wie bei der Bank, bekäme man dieselben Probleme. Der Aufwand für die Betreuung der Sicherheiten stünde dann in keinem Verhältnis mehr zu Kreditbetrag und Zinsen. Deshalb ist der Weg der Onlineplattformen eine Kompromisslösung, um die Prozesse schlank zu halten“, betont Steffen Doberstein.

Vor dem Geldgeschäft informieren

Letztlich sollten alle Beteiligten – Kreditgeber und Kreditnehmer – genau prüfen, worauf sie sich einlassen – und vor allem nachrechnen. Unabdingbar ist es, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Plattformen zu lesen, um nicht überrascht zu werden. Zudem tauschen sich Anleger und Kreditnehmer in Onlineforen aus. Sich vor einem persönlichen Engagement dort umzuschauen, schadet sicher nicht. Beispiele sind auf P2P-Kredite.com das Forum für auxmoney-Anleger und das für auxmoney-Kreditnehmer sowie das Forum für Smava-Anleger. Allgemein zum Thema Peer-to-Peer-Kredite wird hier diskutiert.

Renditen nähern sich dem allgemeinen Markt an

„Die Zinsen der Crowdlendingplattformen folgen allgemeinen Markttendenzen. Liegt der Markt am Boden, sinken bei smava und Co. ebenfalls die Renditen“, beobachtet Unternehmensberater Doberstein. „Zu Beginn waren weniger Anleger bereit, das Risiko eines solchen neuen Weges einzugehen, die Zinsen waren höher als heute. Inzwischen jedoch lässt dieser Effekt nach. Projekte bei smava zum Beispiel sind in Minuten finanziert. Wenn vermehrt Geld in die neuen Anlageformen strömt, drückt dies logischerweise die Zinsen.“ Automatisierte Statistiken zur Entwicklung des Kreditvolumens – differenziert nach Bonitäten – liefert Wiseclerk.com für auxmoney und für smava.

Nicht ohne Banken

Banken sind übrigens auch bei dieser neuen Form der Peer-to-Peer-Kredite nicht ganz außen vor – über sie wird das Geschäft abgewickelt. „Das ist jedoch lediglich eine nach deutscher und europäischer Gesetzgebung erforderliche aufsichtsrechtliche Formalie, weil smava oder auxmoney keine Banklizenz haben“, sagt Steffen Doberstein.

Frohe Zukunft nicht auszuschließen

Noch stecken P2P-Kredite in Deutschland in den Kinderschuhen. „Dahinter steht eine ganz andere Philosophie als hinter Bank-Kreditgeschäften. Die Prüfmöglichkeiten sind letztlich gering“, erklärt Steffen Doberstein. Der Kreditnehmer bleibe anonym und könne viel behaupten – was er mache, wozu er das Geld benötige. „Die tatsächliche Verwendung des Geldes bleibt unklar. Das ist egal, solange es zurückgezahlt wird.“ Wie sich diese Finanzbiotope weiterhin entwickeln, werde unter anderem davon bestimmt, dass es dort möglichst ehrlich zugehe. Insgesamt stünden die Aussichten für Crowdlending jedoch nicht schlecht, vermutet Steffen Doberstein: „Ich bin mir sicher, dass dieses Modell eine Zukunft hat und langfristig bestehen bleibt – besonders weil es Finanzierungs- und Anlagelücken füllt. Im Moment landen dort viele, die woanders keinen Kredit bekommen.“ Doch es bestehe das Potenzial, dass Crowdlending zum ganz normalen Finanzierungsweg neben anderen werde, mit verschiedenen Angeboten für unterschiedliche Berufsgruppen, verschiedenen Sicherungsmechanismen: „Dann führt in ein paar Jahren vielleicht der erste Weg zu einer solchen Plattform – und erst, wenn das nicht klappt, zur Bank.“ Und dann könnten P2P-Plattformen den Banken ernsthaft Geschäft wegnehmen.

Unser Gesprächspartner: Diplom-Betriebswirt und Bankkaufmann Steffen Doberstein, Berlin, Unternehmensberater für kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sowie Gründer mit dem Schwerpunkt Finanzierung.

 

 

Titelfoto: Tony Hegewald  / pixelio.de

Kommentare

  1. Zuerst möchte ich sagen, dass der Beitrag sehr lesenswert ist, bislang kannte ich Ihr Blog gar nicht.

    „Überprüfungen potenzieller Kreditnehmer sind aber auch bei auxmoney oder smava angesagt. Denn um das Vertrauen der Anleger zu gewinnen, sind Zertifikate nötig – zum Beispiel Schufa Score oder Creditreform (CEG) Score. In jedem Fall gilt für Geldgeber wie bei vielen anderen Kreditgeschäften: Die Ausfallgefahr ist immer da. Oder wie es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von smava heißt: „Investieren Sie nur Gelder, deren eventuellen Verlust Sie sich leisten können.“

    Das klingt natürlich sehr mutig, ich kann aber dieser Vorgehensweise nicht zustimmen. Heutzutage ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass man die finanzielle Lage seines Geschäftspartners gut kennt. So ein Risiko finde ich unnötig. Es ist gar nicht so teuer, besonders für ein großes Unternehmen, die notwendige Information zu besorgen und das kann viele potenzielle Kosten in der Zukunft sparen. Ich persönlich benutze die Scores von Dun Trade, natürlich, die aufgelisteten von Schufa oder Creditreform sind auch sehr qualitativ. Auf jeden Fall muss man aber eine solche Überprüfung nicht vernachlässigen.

    LG
    Markus

  2. Ein schöner, informativer Beitrag über das Thema. In den USA und England haben die Kreditmarktplätze ja dramatische Wachstumsraten zu verzeichnen. Ich denke auch hier in Deutschland werden wir noch einiges davon zu hören bekommen. Mittlerweile gibt es ja auch weitere Mitbewerber wie Lendico, Zencap, Finmar oder auch Bondora.

    Bin selber auf Kreditmarktplätzen investiert und werde mal beobachten ,wie es sich entwickelt.

    Wer möchte, kann einen Artikel lesen den ich auf meinem Blog geschrieben habe. Darin behandle ich das Thema Diversifikation und wie man erfolgreich anlegt.

    VG

    Oskar

    http://www.lending-school.de/blog/p2p-kredite-warum-diversifikation-wichtig-ist/

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